Früher habe ich ständig gedacht, ich müsste. Ich müsste auf jedem Kanal aktiv sein. Ich müsste jeden Trend mitnehmen. Ich müsste den perfekten Redaktionsplan haben, bevor ich überhaupt loslege. Meine gedankliche To-Do-Liste im Marketing wurde immer länger, nie kürzer. Und mit ihr auch mein Stresspegel.
Inzwischen habe ich gelernt: Das stimmt so gar nicht.
Und ich habe gelernt, Marketing-Druck loszulassen – Schritt für Schritt.
Und ich sehe dieses Muster nicht nur bei mir selbst. Auch bei meinen Kundinnen erlebe ich es immer wieder: Die Marketing-To-Do-Liste wächst und wächst, statt kleiner zu werden und mit jedem neuen Punkt steigt der Stress ein Stück weiter. Dabei wäre oft schon viel gewonnen, wenn wir einfach mal hinterfragen würden, was wirklich sein muss.
Kurzer Ausflug ins Gehirn, weil mich das fasziniert:
Die Amygdala ist ein kleines, mandelförmiges Areal tief im Inneren unseres Gehirns, im sogenannten limbischen System. Sie ist so etwas wie unser emotionaler Alarmsensor. Ihre Hauptaufgabe ist es, Gefahren blitzschnell zu erkennen, noch bevor wir bewusst darüber nachdenken können. Das war evolutionär gesehen enorm wichtig: Wer schneller auf einen Säbelzahntiger reagierte, überlebte eher. Heute lauern zwar keine Raubtiere mehr im Homeoffice, aber die Amygdala unterscheidet nicht besonders fein zwischen echter Lebensgefahr und gefühlter Bedrohung. Ein „Ich muss“ kann sie ganz ähnlich einstufen wie eine reale Gefahr und dann schaltet sie in den Alarmmodus: Stresshormone wie Cortisol werden ausgeschüttet, unser Körper macht sich bereit für Kampf oder Flucht.
Das Ergebnis: Wir verkrampfen innerlich, statt kreativ und klar zu denken.
Erleben wir dieselbe Aufgabe dagegen als selbstgewählt, sieht es im Gehirn ganz anders aus: Dann wird stattdessen unser Belohnungssystem aktiv, und Botenstoffe wie Dopamin sorgen für Motivation und sogar Freude. Zwei völlig unterschiedliche Zustände und in Wirklichkeit oft dieselbe Aufgabe. Nur die Haltung dazu ist eine andere.
Als ich Silkes Einladung zur Blogparade „Einen Scheiß muss ich!“ gelesen habe, hat es bei mir deshalb sofort klick gemacht. Denn genau darum geht es in meiner Arbeit mit Selbstständigen auch: um die Frage, was wirklich sein muss und was nur so klingt.
Hier also meine Liste all der Dinge, die ich im Marketing für Selbstständige nicht mehr als Muss sehe sondern als Wahl. Und eine Wahl bedeutet immer, dass du entscheiden darfst. Das ist dein Job – der Rest ergibt sich dann von selbst 😉
Lies die folgenden Punkte gerne langsam. Vielleicht magst du bei jedem kurz innehalten und spüren, ob sich darin etwas für dich anfühlt. Vielleicht ein leises „Ja, genau“ oder ein „Stimmt eigentlich gar nicht für mich“. Beides ist richtig und das eine nicht besser oder schlechter als das andere. Bewusstsein ist der Schlüssel.

10 Wege, Marketing-Druck loszulassen
Du musst nicht auf jedem Kanal aktiv sein.
Instagram, LinkedIn, TikTok, Pinterest, YouTube, Facebook – die Liste der Kanäle ist lang, und gefühlt „müsste“ man überall sein. Aber ein Kanal, den du wirklich bespielst, bringt mehr als fünf, die vor sich hin dümpeln. Wähle den, der zu dir und deiner Zielgruppe passt und lass den Rest bewusst sein.
Du musst nicht täglich posten.
Regelmäßigkeit ist wichtig, aber regelmäßig heißt nicht täglich. Ein Post pro Woche, den du mit Substanz und Freude erstellst, wirkt oft stärker als sieben hastig produzierte.
Du musst nicht jeden Trend mitmachen.
Erinnerst du dich an Clubhouse? Für ein paar Monate hieß es, ohne diese App wärst du raus aus dem Rennen. Dann verschwand die Plattform fast so schnell, wie sie gekommen war. Genauso ging es vielen mit NFTs im Business-Kontext oder mit Threads, das ebenfalls mit riesigem Hype startete und dann leiser wurde. Nicht jeder Trend passt zu deinem Business, deiner Zielgruppe oder deiner Energie. Ein bewusstes Nein zum Trend ist genauso strategisch wie ein Ja.
Du musst nicht extrovertiert sein, um sichtbar zu sein.
Sichtbarkeit hat viele Gesichter. Du kannst leise, nachdenklich, schriftlich sichtbar sein. Ein Blogartikel wirkt genauso wie ein Reel, nur anders. Sichtbarkeit heißt nicht: laut sein müssen.
Du musst nicht schon alles wissen, bevor du anfängst.
Der perfekte Plan, die durchdachte Strategie, die komplette Klarheit bevor überhaupt der erste Post rausgeht? Das ist selten realistisch. Vieles klärt sich erst im Tun. Oder mit ein bisschen Unterstützung von außen.
Du musst nicht perfekt formulieren, um veröffentlichen zu dürfen.
Der ideale Satz, das treffende Wort, die fehlerfreie Formulierung. Wer darauf wartet, veröffentlicht nie. Ein authentischer, unperfekter Text erreicht Menschen oft mehr als ein glattgeschliffener.
Du musst nicht ständig erreichbar sein.
Sofort auf jede Nachricht, jeden Kommentar, jede Anfrage reagieren? Das mag sich wichtig anfühlen, ist es aber selten. Erreichbarkeit darf Grenzen haben, ohne dass dein Business darunter leidet. Da darf ich auch gerne noch mehr drauf achten…
Du musst nicht mit jedem KI-Tool experimentieren, das gerade hypt.
Jede Woche ein neues Tool, das angeblich alles revolutioniert. Du darfst abwarten, beobachten, und dir erst dann ein Tool anschauen, wenn es wirklich zu deinem Workflow passt, statt jedem Hype hinterherzulaufen. Oder du fuchst dich einfach in ein Tool rein und wirst damit richtig gut. Auch das ist absolut okay.
Du musst nicht so klingen wie die Konkurrenz, die gerade erfolgreich wirkt.
Der Vergleich mit anderen ist verlockend, gerade wenn deren Content gut läuft. Aber deine Stimme, dein Stil, dein Blick auf die Dinge. Das ist genau das, was dich unterscheidet und deine Wunschkundinnen anzieht.
Du musst nicht alles allein herausfinden.
Der Anspruch, sich jedes Thema selbst zu erarbeiten, jede Frage allein zu klären, kostet oft mehr Zeit und Nerven als nötig. Austausch, Begleitung oder einfach eine andere Perspektive dürfen sein. Solltest du dir eine andere Perspektive oder den Blick von außen wünschen, dann buch dir doch einfach eine Standortbestimmung mit mir – 30 Minuten, kostenfrei.
Schluss
Wenn ich heute auf diese Liste schaue, merke ich: Jeder einzelne Punkt war mal ein „Ich muss“ in meinem Kopf. Und jeder einzelne Punkt hat sich erst dann leichter angefühlt, als ich ihn in ein „Ich darf“ oder „Ich will“ übersetzt habe.
Erinnerst du dich an die Amygdala von vorhin, unseren kleinen inneren Alarmsensor? Sie merkt tatsächlich, wenn sich ein Muss in eine Wahl verwandelt. Der Alarmmodus schaltet sich ab, das Belohnungssystem übernimmt und plötzlich fühlt sich dieselbe Aufgabe nicht mehr nach Zwang an, sondern nach Entscheidung. Das ist kein Zufall und auch keine Einbildung, sondern messbar in unserem Nervensystem.
Marketing-Druck loslassen heißt also nicht, weniger zu tun oder weniger ambitioniert zu sein. Es heißt, genauer hinzuschauen: Was davon ist wirklich meine Entscheidung und was nur eine Gewohnheit, die sich wie Zwang anfühlt, es aber gar nicht ist? Und welches Marketing-Muss ist vielleicht gar nicht deins, sondern jemand anderes meint, dass du das unbedingt machen musst, weil du sonst keinen Erfolg haben kannst?
Welcher Punkt aus meiner Liste hat bei dir am meisten geklungen? Und was würdest du deiner eigenen Liste noch hinzufügen? Ich lese sehr gerne, was bei dir als Nächstes von der Muss- auf die Will-Liste wandert.
Dieser Artikel ist Teil der Blogparade „Einen Scheiß muss ich!“ von Silke Geissen. Schau gerne auch bei ihr und den anderen Teilnehmerinnen vorbei. Dort gibt es noch viele weitere, ganz unterschiedliche Perspektiven auch in Bezug auf andere Themen.

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